banner.jpg

Alpha Apotheke

  • Apothekerin Anke Kleemann e.K.
  • Nonnenstr. 44
  • 04229 Leipzig

Weshalb viele Menschen schlecht schlafen

Digitalisierung, Druck im Job, Freizeitstress: Experten sagen, der moderne Lebensstil raubt uns den Schlaf. Was tun, um trotzdem zu einer erholsamen Nachtruhe zu finden?
von Barbara Kandler-Schmitt, 15.12.2017

Verlockender Ruhestörer: Smartphones kennen keine Sperrstunde

F1online/Westend61

Nach der After-Work-Party schnell noch E-Mails checken und nachschauen, was die Freunde bei Facebook gepostet haben. Da kommt die nächste WhatsApp-Nachricht rein: "Gehen wir morgen ins Kino?" Über den Fernsehbildschirm flimmern die Schreckensmeldungen des Tages, der Laptop zeigt die morgige Präsentation an. Da braucht es zum Entspannen noch ein Glas Rotwein. Schließlich lässt einen der Blick auf die Uhr zusammenzucken: Mist, schon halb eins! Das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen: "Was ist, wenn ich jetzt nicht schnell einschlafen kann? Ich habe doch morgen dieses wichtige Meeting mit dem Chef ..."

Millionen Deutsche kennen solche oder ähnliche Szenarien zur Genüge. Wir würden ja so gern schlafen – aber wann? Und wenn wir uns dann endlich die Zeit dafür nehmen, will es einfach nicht klappen. "Jugendliche und Erwachsene im erwerbsfähigen Alter schlafen heute deutlich weniger als früher", bestätigt Professor Jörg Lindemann, HNO-Arzt und Schlafmediziner am Uniklinikum Ulm. "Sie gehen zu spät ins Bett, müssen aber morgens trotzdem früh raus und manövrieren sich so in ein chronisches Schlafdefizit."

Schlafstörungen nehmen zu

Laut einer aktuellen GfK-Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau leiden mehr als 32 Prozent der Bundesbürger zumindest gelegentlich unter Schlafstörungen. Im Jahr 2015 waren es noch 26 Prozent, 2013 sogar nur 23 Prozent. Und dem jüngsten DAK-Gesundheitsreport zufolge nahmen sie bei Berufs­tätigen zwischen 35 und 65 Jahren seit 2010 um 66 Prozent zu. Haben wir es hier mit einer rasch um sich greifenden Epidemie zu tun?

Experten sehen in dieser Entwicklung ­einen Tribut an den modernen Lebensstil. Permanente Erreichbarkeit und Reizüberflutung durch elektronische Medien, Stress im Beruf und zunehmend auch in der Freizeit knabbern an Schlafqualität und -dauer. Dazu kommen die Folgen von Schichtarbeit und Globalisierung mit nächtlichen Telefonkonfe­renzen und Dienstreisen über mehrere Zeitzonen hinweg.

Multimedia im Schlafzimmer stört den Rhythmus

"Wir haben den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus verloren, der sich an Hell und Dunkel orientiert", sagt Lindemann. "Früher sind die Menschen ins Bett gegangen, wenn es dunkel war, und haben das Schlafzimmer nicht als Multimedia-Raum genutzt." Das Problem, betont der Experte, sei häufig hausgemacht. So haben zum Beispiel Fernseher, Computer, Laptop, Tablet und Handy im Schlafzimmer nichts zu suchen. "Elektronische Medien erhöhen den Aktivitätslevel und signalisieren dem Gehirn durch das beleuchtete Display, dass es draußen noch hell ist. Beides hält uns vom Schlafen ab", sagt Lindemann.

Erschwerend kommt hinzu, dass Schlaf in unserer Leistungsgesellschaft kein besonders gutes Image hat. "Wenn wir wenig schlafen, fühlen wir uns als Helden", erklärt Professor Winfried Randerath, Schlafmedi­ziner am Krankenhaus Bethanien in Solingen.

Schlafmangel erhöht Unfallrisiko

Doch die Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit sowie das Unfallrisiko sind enorm: Laut ­einer Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) ist Müdigkeit am Steuer eine häufigere Ursache tödlicher Unfälle als Alkohol. Erschreckend: In der Umfrage der Apotheken Umschau gaben 14,5 Prozent der Auto­fahrer an, schon einmal am Steuer eingenickt zu sein. Studien weisen zudem darauf hin, dass eine schlechtere Nachtruhe das Risiko für Depressionen, Schlaganfälle und Demenz erhöht und die Lebenserwartung verkürzt.

"Deshalb verdient der Schlaf in der Prävention künftig genauso viel Beachtung wie gesunde Ernährung, körperliches Training und Raucherentwöhnung", ­fordert DGSM-Vorstandsmitglied Randerath. Doch anders als Übergewicht und Nikotinsucht gelte Schlafmangel immer noch als chic. "Hier muss sich die Wahrnehmung dringend ändern." Das gilt auch für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. "Viele Menschen müssen bei uns gegen ihre innere Uhr leben. Die Schule etwa beginnt viel zu früh", ist Randerath überzeugt. Die Umfrage der Apotheken Umschau bestätigt dies: 34,4 Prozent der Teilnehmer bezeichnen sich als Nachteulen, die abends erst richtig munter werden und dafür morgens gerne länger schlafen.

Bloß kein Drama, bitte!

Für Menschen mit Schlafproblemen ist das Wissen um die gesundheitlichen Gefahren allerdings eher kontraproduktiv. "Je mehr wir uns Sorgen wegen der Schlafstörungen machen, umso schlechter schlafen wir", weiß Mediziner Lindemann. "Am besten denkt man überhaupt nicht darüber nach, weil der Körper das wie die Atmung von selbst regelt." Der Psychologe Professor Dieter Riemann bestätigt: "Schlaf ist wichtig, aber es bringt nichts, sich darauf zu fixieren. Störungen dürfen weder bagatellisiert noch dramatisiert werden."

Von einer behandlungsbedürftigen Störung sprechen Experten, wenn der Patient länger als einen Monat mindestens dreimal in der Woche schlecht schläft. "Wer tagsüber ständig müde ist und Angst hat, nicht einzuschlafen, sollte professionellen Rat suchen", so Randerath.

Zuerst zum Hausarzt

Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt. Dieser untersucht zunächst, ob eine ­Erkrankung hinter den Problemen steckt – etwa Blut­hochdruck, Schilddrüsenüberfunktion, Depressionen oder nächtliche Atemaussetzer. Wird die Grund­erkrankung behandelt, bessert sich auch die Nachtruhe. "Sind jedoch ungünstige Gewohnheiten die Ursache, sollte der Patient überlegen, wie er sein Verhalten ändern kann", sagt Lindemann.

Etwa durch den abendlichen Verzicht auf schwere Mahlzeiten und Alkohol. Denn dieser mache zwar müde, beeinträchtige aber die Schlafqualität. Von koffein­haltigen Getränken sollte man schon ab mittags die Finger lassen. Wichtig sei auch ein regelmäßiger Rhythmus: "Menschen mit Schlafproblemen sollten immer zur gleichen Zeit aufstehen und auf ein Nickerchen am Mittag verzichten." Als abendliche Rituale eignen sich Entspannungsübungen sowie Bäder und Tees mit beruhigenden Heilkräuterzusätzen.

Schlafmittel nicht länger als einen Monat

Im Schlafzimmer sollte es dunkel, leise und nicht zu warm sein. "Gehen Sie erst ins Bett, wenn Sie müde sind, und schauen Sie nachts nicht ständig auf die Uhr", rät Lindemann. Von teuren Hightech-Matratzen und Spezialkissen hält er nichts: "Beim Schlafen darf man ruhig altmodisch sein."

Bringen einfache Verhaltensänderungen keine Besserung, kann ein Besuch bei einem Schlafmediziner sinnvoll sein. Bei chronischen Ein- und Durchschlaf­störungen hilft vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie. "Zwar ist es für die Patienten einfacher, ein Schlafmittel zu nehmen", sagt Randerath. Doch damit seien Ärzte inzwischen deutlich zurückhaltender. Wegen der Gewöhnungsgefahr sollten diese Präparate nicht länger als einen Monat verordnet werden. Oft helfen rezeptfreie pflanzliche Mittel mit Baldrian, Hopfen, Lavendel oder Passionsblume, die sich zur längerfristigen Einnahme eignen.



Bildnachweis: F1online/Westend61, Getty Images/Tooga Productions, Getty Images/Frederic Cirou/PhotoAlto, Getty Images/Frederic Cirou/Canopy, F1online digitale Bildagentur GmbH/Tetra Images

Lesen Sie auch:

Frau mit Schlafstörungen

Schlafstörungen »

Schlecht einschlafen, nicht durchschlafen, morgens zu früh aufwachen, schnarchen – Schlafprobleme haben viele Gesichter und zahlreiche Ursachen »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Schlafender Mann

Schlafen Sie gut: Erholsamer Schlaf

Gut schlafen ist die Voraussetzung für optimale Leistungsfähigkeit. Zu wenig oder schlechter Schlaf kann gereizt, unkonzentriert und sogar krank machen. Was Sie über Schlaf wissen sollten »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages